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Die Dynamik der Stille – Keramiken von Susanne Ring

Keramik blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück und gilt als das älteste Handwerk. Die zunächst als Symbolträger für kultische Zwecke und als profaner Gebrauchsgegenstand benutzte Irdenware des Neolithikums entwickelte sich im Laufe der Zeit, von China, Japan, Korea über Kleinasien bis Mittel-und Südamerika, zu einer weltweiten Keramik-Kultur mit regionaltypischen Ausprägungen.
Im Zeitalter der Industrialisierung und der damit einsetzenden Massenproduktion erfuhr das Keramik-Handwerk eine grundlegende Veränderung. Im Rahmen dieses nun eher kunstgewerblichen Betriebes spielten das Künstlerische und somit der individuelle Stil kaum noch eine Rolle. Sie verloren an Bedeutung. Die Jahrhundertwende brachte erneut einen Wandel, als mit Einsetzen der Reformbewegung in Europa, allen voran dem Jugendstil und den damit ins Leben gerufenen Ateliertöpferwerkstätten und der späteren Bauhaus-Gründung, das Handwerklich-künstlerische der Keramikherstellung zum Qualitätsmerkmal erhoben wurde.
Handelte es sich bei dieser Keramik fast ausschließlich um nach ästhetisch-praktischen Kriterien hergestellte Gebrauchskeramik, so entwickelte sich unter dem Einfluß experimentierfreudiger und grenzüberschreitender Künstler wie Max Laeuger, Joan Miró oder Pablo Picasso, der das wohl umfangreichste keramische Werk hinterließ, eine freie Keramikkunst, deren individuelle Ausdrucksformen von der Gefäß-über die Baukeramik, von der Bildplastik bis hin zur figürlichen Plastik reichen.
Diese innovativen Wegbeschreitungen setzten kreative Impulse frei, die bis heute zu einem grundlegenden Wandel in der Auffassung von Keramik führten. Als Zeichen des Aufbruchs in eine neue Kunstära in den 1960er und 1970er Jahren verstanden beispielsweise auch Künstler der amerikanischen Pop Art wie Robert Rauschenberg oder Roy Lichtenstein ihren zeitweiligen Exkurs in den Bereich der Keramik. Die heute anzutreffende Vielfalt gestalterischer Ausdrucksmöglichkeiten deutet auf ein neues Selbstverständnis des Keramikers. Der Künstler unserer Tage denkt nicht mehr zwangsläufig in Kategorien. Sein Umgang mit dem Werkstoff Ton ist spielerischer, spontaner, zweckfreier und experimenteller geworden. Beschäftigt man sich eingehender mit den Arbeiten von Susanne Ring, so wird man schnell feststellen müssen, dass auch hier eine eindeutige Gattungszuordnung nicht mehr möglich ist.
Susanne Ring gehört zu jener experimentierfreudigen und grenzüberschreitenden Künstlergeneration, die in Auseinandersetzung mit keramischen oder auch anderen formbaren Materialien in Nachbargebiete wie die Malerei und die Rauminstallation vordringen oder mediale Disziplinen wie die Fotografie oder die Videokunst in ihre Kunst integrieren (Smutnas 2007, Kat. S.59). Der Schwerpunkt ihrer Arbeiten liegt dabei auf den Figuren. Tatsächlich mißachtet Susanne Ring beim figurativen Gestalten den festgelegten Material-und Gattungsbereich. Ihre plastischen Formulierungsmöglichkeiten sind vielfältig, wenn sie, mit Materialkombinationen experimentierend, aus Ton, Keramik, Holz, Porzellan, Stein, Glas, Salzteig, Papier und zuweilen auch unter Verwendung von Textilien ausdrucksstarke Köpfe auf amorphen Körpern entstehen lässt.
Studiert hat die 1966 in Mainz geborene Susanne Ring an der Universität der Künste in Berlin, wo sich heute auch ihr Atelier befindet. Dort, untergebracht im geschichtslastigen Gebäudetrakt einer ehemaligen Kaserne, gibt sie keramischer Masse Gestalt, formt sie anthropomorphe, zoomorphe und biomorphe Figuren aus Ton und unterschiedlichen Materialkombinationen (Kat. S. 53). Im Laufe der Jahre ist dabei ein Universum kleiner und großer, liegender und stehender Körper mit individuellen Merkmalen und eigenen Charakteren entstanden, die, obgleich im Raum ungeordnet, dennoch eine unsichtbare Einheit zu bilden scheinen. Einige wie auf einer Bühne angeordnete figürliche Plastiken erwecken den Eindruck, als folgten sie einer dramaturgischen Regieanweisung. Durch diese Frontalität haftet ihrer Haltung etwas Ernstes, Entschiedenes und Unmittelbares an, als hätten sie etwas mitzuteilen oder würden ihre jeweils eigene Geschichte erzählen wollen. Es ist jedoch nicht das Atmosphärische des historischen Atelierumfelds, das Susanne Ring zu ihren eindrücklichen Figuren und Figurenensembles anregt. Es sind vielmehr komplexe und persönliche Momentaufnahmen von zwischenmenschlichen Begegnungen, Ereignissen, Erfahrungen und selbst Erlebtem, die sie während der Herausbildung der vorwiegend keramischen Körper einer kritischen Analyse unterzieht. Die figürlichen Plastiken dienen dabei zugleich als Reflektions-und Projektionsfläche für Erinnertes, Beobachtetes, Gefühltes und Erkanntes.
Das Atelier mag dabei wie ein Abbild ihrer künstlerischen Grundhaltung erscheinen. Denn so wenig sich die Arbeiten von Susanne Ring auf einen Stil festlegen lassen, so offen wirkt ihr Atelier, jener geschaffene Freiraum künstlerischer Produktion. Dass Susanne Ring eine Sammlerin ist, fällt auf, sobald man ihr Atelier betritt und Einblicke in ihr persönliches Umfeld erhält. Im Atelier bleibt der Blick spontan an vielem haften, was zunächst mit ihren Arbeiten wenig in Zusammenhang zu stehen scheint: ein Sammelsurium von Möbelstücken verschiedenster Epochen, auf denen Objekte jeglicher Art arrangiert wurden. Von der volkstümlichen Russland-Puppe über Vasen, Fotografien, Reisesouvenirs bis hin zum Stickbild ist alles dabei, was eigentlich Gefahr läuft, kitschig zu wirken. Diese Sammelleidenschaft mag Susanne Ring zunächst nicht von anderen Sammlern alltäglicher, auch kurioser Dinge unterscheiden, die unsere Konsum-und Mediengesellschaft zuweilen hervorbringt. Doch widmet der Sammler auf der Jagd nach Kostbarkeiten gemeinhin seine Obsession den Dingen, die formal oder inhaltlich einer bestimmten Kategorie zuzuordnen sind und meist, aufgrund eines übergeordneten Systems in erkennbarer Verbindung zu ihm selbst stehen. Bei Susanne Ring verhält es sich anders. Sie sammelt in Gestalt von realen, auch wertlosen Gegenständen erinnerte Bruchstücke von Welten, die ihren Sinn, für einen kurzen Augenblick und nur für die Künstlerin erlebbar, aus sich selbst heraus zu beziehen scheinen, die also gewissermaßen versiegelt sind. Ihr Sammeln ist dadurch ungebundener, anarchischer, ernsthafter und weitaus sinnlicher. Es erfordert vom Betrachter die Bereitschaft zur Intervention im Sinne einer Stellungnahme,1 um sich auf diese persönliche Sicht der Welt einzulassen und den „Freaks of nature“ ein Stück weit näher zu rücken. Hier nun also beginnt der Diskurs.
Die Arbeiten von Susanne Ring lassen sich nicht durch den schnellen Blick erschließen. Keineswegs naheliegend ist auch deren Ausgangspunkt. Denn die Künstlerin sprengt konsequent den konventionellen Rahmen der keramischen Möglichkeiten. Und vollzieht damit auch bewußt einen Perspektivenwechsel. Die Auseinandersetzung mit den figurativen Plastiken von Susanne Ring stellt für den Betrachter eine Herausforderung dar. Statt eine gefällige Präsentation von kunsthandwerklicher Zier- oder Gebrauchskeramik erwartet ihn in den Ausstellungsräumen das Gegenteil. Unerwartet sieht er sich mit einer Ansammlung von hypertrophen, zum Teil nur rudimentär ausgebildeten Körpern konfrontiert, die rätselhaft-fremd, ja subversiv erscheinen. Sie liegen definitiv außerhalb unseres Wahrnehmungsbrauchs.
Spontan mag man sich hierbei an die plastischen Arbeiten der Schwedin Nathalie Djurberg erinnern, die mit ihren animierten Figuren aus Knete als beste Nachwuchskünstlerin auf der Venedig-Biennale 2009 den Silbernen Löwen erhielt. Es mag vordergründig durchaus Gemeinsamkeiten geben, die die beiden ambitionierten Künstlerinnen verbindet, so etwa die Verwendung eines formbaren Materials, bei Nathalie Djurberg ist es der Knetgummi, bei Susanne Ring ist es der Ton, und die im Verhältnis zur Geschmeidigkeit des Materials ungewöhnliche Rohheit in der Wirkung der Figuren. Doch während die Schwedin mit ihren schrillen Plastilinfiguren nach der vom Trickfilm bekannten Stop-Motion-Technik2 verstörende, eindeutig lesbare Handlungen inszeniert, erzeugen die Keramiken und Figurengruppierungen von Susanne Ring eine dramaturgische Dichte, die ohne narrative Aspekte und referentielle Anekdoten auskommt. Sie verstehen sich als subtile Paraphrasen unterschiedlichster Bewußtseins-und Seelenzustände. Die visuelle Sprache ihrer figürlichen Keramiken ist dennoch direkt und unmissverständlich. Im Gegensatz zu den alptraumhaften und schonungslosen Inszenierungen einer Nathalie Djurberg, die Aggressivität als Topos im doppelten Sinne reflektieren und auf diese Weise dem Betrachter die sichere Rolle des distanzierten Voyeurs aufzwingen, überbrückt Susanne Ring diese Distanz und lässt mit ihren durchaus ungefälligen Arbeiten eine Art Zwischenraum der Intimität und Nähe entstehen. Der stillen Beredtsamkeit ihrer alterslos wirkenden Geschöpfe kann sich der Betrachter tatsächlich kaum entziehen.
Innerhalb der Ensembles, aber auch zwischen Betrachter und Figur konstituiert sich eine Art nonverbale Kommunikation, ein vorsichtiges Sich-Annähern, eingefordert auch von den wie aus einer entrückten, jenseitigen Welt stammenden befremdlich wirkenden Gestalten, die Neugier wecken und aus der Nähe betrachtet werden wollen (Königinnen 2010, Kat. S.27). Obgleich ihre keramischen Plastiken auf den ersten Blick Argwohn erwecken und auch verstören mögen, also keineswegs den standardisierten Rezeptionskategorien verhaftet sind, verführen sie doch auf formaler Ebene den Betrachter, der sich, im möglichen Vorgefühl einer geheimnisvollen Vision auf diesen Dialog mit einer bukolischen Welt surrealer Ausprägung einlässt (Venus-Flieger-Falle 2008, Kat. S.64f.). Der Ausdruck der Figuren konzentriert sich in Kopf und Körperhaltung. Dabei kommt den Physiognomien eine besondere Bedeutung zu. Auf den Gesichtern liegt häufig ein Ausdruck von morbider Exotik, wie etwa bei den Figuren des Werkzyklus „Himmel und Hölle“(2008). Mal sind die Gesichter von Zerfall und Tod gezeichnet (Freitag 2011, Kat. S. 12), mal wirken sie apotropäisch (Norweger 2010, Kat. S. 28), mal lösen sie durch starr fixierende oder ins Leere blickende Augenpaare beim Betrachter ein Gefühl von Düsterkeit, Schrecken, Trauer oder Schwermut aus. Von unbestimmter Dichte und Rätselhaftigkeit sind dagegen die in neuerer Zeit mit minimal ausgebildeten oder gänzlich fehlenden Gesichtsmerkmalen entstandenen Keramiken (Alien 2010, Kat S. 24). Einen Ausdruck von Freude oder Glück wird man bei diesen skurrilen Porträts vergeblich suchen. Denn nicht situative und individuelle Empfindungen werden hier artikuliert, sondern Seele und Charakter als universelle Grundelemente des menschlichen Seins.
Des Öfteren erinnern die Figuren von Susanne Ring an prähistorische Kleinplastiken, folkloristische Objekte (Königinnen 2010, Kat. S. 26) oder mythische Skulpturen sogenannter „primitiver“ Kulturen, denen wie den Figurenplastiken von Susanne Ring gleichfalls personalisierende Merkmale fehlen. Ein gemeinsames Stilmerkmal ist die Verfremdung. Bei den figürlichen Darstellungen der Südsee beispielsweise, die als Ahnenfiguren im Kontext magischer Praktiken und Rituale stehen, handelt es sich nicht um Abbildungen realer Menschen, sondern um Geistwesen mit besonderen Kräften. Sie stellen, mit bedeutungsassoziierenden Gesichtsbemalungen, Schmuckdetails und verschiedenen Materialkombinationen gestaltet, ein symbolisches Bindeglied zu einer jenseitigen Welt dar, die in engem Bezug zur mythischen Geschichte der eigenen Kultur stehen. An die in Neuguinea für die Körperbemalung verwendete, Jenseitiges symbolisierende Farbe Schwarz, sowie filigrane Gesichtsrahmen, die den Kopfumriß ihrer Träger vergrößern sollen, und die Funktion einer aggressiven, Imponiergehabe und Kampfbereitschaft signalisierenden Drohgebärde haben, mag man vereinzelt bei den Arbeiten „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ (2005) und „Venus-Flieger-Falle“ (2007, Kat. S. 69) erinnert werden.
Hypertrophe, befremdlich wirkende Rümpfe und übermäßig große Kopfformen lassen denn auch die in jüngster Zeit entstandenen Figuren abweisend und bedrohlich erscheinen (Verholzen 2009/2010, Kat. S 38). Tatsächlich hat die Künstlerin bei diesen Arbeiten autobiografische Erlebnisse, Berührungen mit von Autoritäten dominierten sozialen Strukturen verarbeitet. Immer wieder bevölkern auch heimische oder exotische Tiere, Pferde, Schweine, Affen oder Rotwild diese Figuren-Ensembles. Leicht ironisch, gepaart mit pointiertem Ernst führt Susanne Ring vor Augen, dass soziale Strukturen die universelle Existenz determinieren, und die daraus entstehenden Befindlichkeiten und Emotionen nicht allein auf den Menschen beschränkt bleiben. Susanne Ring stellt mit ihren Arbeiten festgelegte Denkmuster in Frage und durchbricht konsequent die a priori fixierten Erwartungskriterien an die Keramik. Ihr unbedingter Wille zur semantischen Freiheit stellt Ritualisierungen im allgemeinen auf den Prüfstand. Nicht nur in der Kombination unterschiedlicher Materialien, auch in der ungeschmeidigen Oberflächenstrukturierung und einer größtenteils inhomogenen Farbfassung kommt diese Haltung zum Ausdruck (Smutnas 2007, Kat. S. 59). Hier zeigt sich ihr kritischer Standpunkt gegenüber Rezeptionsverhalten und erstarrten Strukturen im allgemeinen.
Beziehungen und Paare sind das Leitthema der Arbeiten von Susanne Ring. Beziehungen und das Gespräch darüber sind ihr wichtig, sagt sie. Seit 2010 steht das Paar als kleinste Beziehungseinheit im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung (Indianer 2010, S. 21). Die unter diesem Aspekt entstandenen Figurengruppen sind, wie überhaupt alle Arbeiten von Susanne Ring, nicht auf Stereotypen festlegbar. Die Wahrnehmung von Beziehungen und ihren mannigfaltigen Spielformen und Dynamiken ist dabei selbst höchst subjektiv. Deren Umsetzung in die feste keramische Form fördert folglich auch unterschiedlichste Beziehungsaspekte zutage, die, so Susanne Ring, mal als romantisch verklärend, mal als verstörend oder auch als gestört lesbar sind. Dass einige figurale Plastiken im Vergleich zu älteren Arbeiten von größerer Dimension und damit regelrecht in den Raum gewachsen sind, kann zum einen als Hinweis auf ein künstlerisches Bedürfnis nach fortwährend neuen Ausdrucksformen gedeutet werden. Zum andern drückt sich hier ein besonderes Interesse und Gespür für stets wiederkehrende existenzielle Fragen um Emotionen wie Liebe und Haß, Leben und Tod aus. Formal spiegeln die aus unglasierten Tonwülsten spiralförmig gebildeten Körper (Kroko 2011, Kat. S. 23) diese Idee der Fortsetzung wider. Die in Größe und Form variierenden, am Kopfende offenen Hohlkörper spielen auf mythologische Bezüge an. Das Gefäß als Bewahrer kraftspendenden oder bedrohlichen Inhalts hatte in den Mythologien vieler Völker eine wichtige Funktion.3 Susanne Ring überträgt diese Konnotation auf ihre figuralen Hohlkörper, die aufgrund ihres Fassungsvermögens ebenfalls zu „Bewahrern“ werden.
Seit 2010 beschäftigt sich Susanne Ring verstärkt auch mit der Materialität des Filzes. Dabei kombiniert sie ihre nach bekannten Vorbildern aus der Kunstgeschichte gefilzten Bilder mit Keramiken (Kratzen und Kraulen 2011, Kat. S. 31f.). Wie in allen ihren Arbeiten seit den 1990er Jahren verarbeitet Susanne Ring auch hier Autobiografisches. So fließen Kindheitserinnerungen spielerisch in die Ensembles aus Filzbild und Keramikfiguren ein. Die blauen Keramikgefäße symbolisieren Mann und Frau und umkreisen ihrerseits das Paarthema (Kratzen und Kraulen, Kat. S. 32). Dem Filzvorgang kommt dabei eine sinnbildliche und zugleich vermittelnde Rolle zu. Wolle ist ein seit Jahrtausenden verwendeter Werkstoff und damit kollektiv legitimiert. Dem Zusammenfügen der traditionellen Wollfasern entspricht im Sinne der Künstlerin eine Verortung in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Susanne Ring macht sich diese symbolische Verankerung zunutzen, um, stets auch rekurrierend auf selbst Erlebtes, dem Betrachter den assoziativen Zugang zu den Ensembles zu ermöglichen. Eine vergleichbare Verortung in sozialen Gefügen geschieht durch den Einsatz von trivialen Alltagsgegenständen wie Spitzendeckchen, Mobiliar oder anderen Raumaccessoires (Smutnas 2007, Kat. S. 58, Verholzen 2009/2010, Kat. S. 36). Die Verwendung von wiedererkennbar Alltäglichem schafft eine Assoziationsfläche für den Betrachter und eröffnet durch diesen Zugang den Dialog zwischen ihm und dem Figurenensemble im Raum. Die Schnittstelle bilden Figur und Materialität gleichermaßen. Susanne Ring geht noch einen Schritt weiter, wenn sie Malerei mit Keramik paart. Dabei durchbricht sie die Zweidimensionalität des Bildes, indem sie die Figuren aus der Fläche in den Raum treten lässt. Dort wird der Betrachter selbst zum Dialogpartner innerhalb des Ensembles (Indianer 2010, Kat. S. 21). Die keramischen, teilweise auch montierten Figuren wirken mal freakig, verrückt und surreal, mal wie von Kinderhand geformt, ungelenk und hilflos, mal erscheinen sie wie von inneren und äußeren Blessuren gezeichnete Geschöpfe, oft faszinieren sie durch eine Mischung aus allem. Die spontan aus der archaischen Tonerde entstanden Figuralplastiken von Susanne Ring zeigen deutliche Bearbeitungsspuren und somit ein hohes Maß an Authentizität (Verholzen 2009/2010, Kat. S. 38).
Zurecht wurde das Ensemble „Ich habe Frau Hitt gesehen/Frau Hitt in Gondal“ (1998) in der Nähe zur Art brut gesehen.4 Das facettenreiche Wechselspiel von glasierter und unglasierter Oberfläche der einzelnen Figuren und die aus der Materialkombination resultierende Modulation der Haptik ist gleichsam als Spiegelung der menschlichen Existenz, als Reflektion von Gedankenwelten und Seelenräumen interpretierbar. Die spröden, zum Teil harten Materialbrüche der Oberfläche und die handwerklichen Spuren in der tönernen Ursubstanz verstehen sich als Äquivalent zum Menschen, seinen Beziehungen und einer komplexen, von innerer Zerrüttung, Resignation, aber auch deren Überwindung geprägten Identität. Ebenso greifen die bereits erwähnten Ensembles, die Susanne Ring als Körper versteht, diese Idee auf. Ihnen kommt eine elementare Bedeutung zu, denn die Ensembles sind einem permanenten Wandel unterworfen und stehen paradigmatisch für das Transitorische und Temporäre im menschlichen Beziehungsgeflecht und auch im Gesamtwerk.
Durch flexible und intuitive Figurenneuordnungen verarbeitet Susanne Ring stets aufs Neue alltägliche Begegnungen und Erlebnisse, denen sie dadurch, übergangsweise, räumliche Präsenz verleiht. In ihren alternierenden Gruppierungen und Installationen treten uns die Figurengefüge gleichsam dreidimensional als Projektionen zwischenmenschlicher Dialogformen und psychodynamischer Prozesse entgegen. Einige Ensembles wie „Himmel und Hölle“ (2008, Kat. S. 50) sind begehbar, so dass der Betrachter selbst Teil des Dialogs innerhalb dieser Beziehungskonstellationen wird. Die Grenzen sind dabei fließend. Trotz ihres mitunter geringen Körpermaßes haben die gestisch-expressiven Figuren von Susanne Ring einen großen Wirkungsradius. „Freaks of nature“ offenbart sich als ein visueller Kosmos fantastischer, realer, grotesker wie rätselhaft-verfremdeter Körperwesen, die den Betrachter unmittelbar konfrontieren mit einer schöpferischen Lust, die menschliche Natur und ihre Auswüchse auf einer neuen Ebene sichtbar zu machen. Die Offenlegung dieser Dynamiken mag schockierend und faszinierend zugleich sein. Doch sind die „Freaks of nature“ weder als Kritik an menschlichen Verhaltensweisen noch als Palliativ zu verstehen. Die Besonderheit der „Freaks of nature“ liegt vielmehr im Appell an ein Bewußtsein, der universalen Existenz mit einer geschärften Sensibilität zu begegnen.

Jacqueline Maltzahn-Redling

  • 1

    Hans Belting, Warum immer noch Kunst? Erinnerungen an Sisyphos, in: Lesebuch Badischer Kunstverein 1999-2001, Hg. Angelika Stepken, Karlsruhe 2001, S. 6

  • 2

    Bei der beim Trickfilm verwendeten Stop-Motion-Technik wird jede Bewegung mit unbeweglichen Objekten fotografiert und anschließend animiert.

  • 3

    Barbara Rappenglück, Mutterbauch und Kosmos – zur Symbolik des Gefäßes, in: Welt der Gefäße, Von der Antike bis Picasso, Oberhausen, 2004/2005, S. 203ff.

  • 4

    Wolfgang Knapp, Starre Augen, montierte Körper. Das Ensemble „Ich habe Frau Hitt gesehen/ Frau Hitt in Gondal, Keramische Plastiken von Susanne Ring, in: Susanne Ring, Ensembles, Karlsruhe 1998, S. 18


Dr. Silke Feldhoff

Auch wenn Susanne Ring den Ausdruck ‚Künstlerbuch‘ nicht mag – bei „Smutnas“ handelt es sich genau um ein solches: Von der Künstlerin konzipiert, gestaltet und realisiert versammelt „Smutnas“ eine Auswahl ihrer künstlerischen Arbeiten der letzten Jahre - einzigartig komponiert und amalgamiert zu einer Folge neuer Bilder. Parallel zu ihrer Ausstellung „Himmel und Hölle“ im Saarländischen Künstlerhaus Saarbrücken ermöglicht „Smutnas“ einen Einblick in die Vielseitigkeit ihres künstlerischen Arbeitens – unterschiedlichste formale, mediale, inhaltliche und atmosphärische Facetten werden in gleichzeitigem unhierarchischem Nebeneinander aufgefächert. Während der Schwerpunkt von Susanne Rings Schaffen auf Malerei und Plastik liegt, zeigt jede Seite dieses Bilderbuches eine am Computer erstellte Collage. Hierfür kombinierte sie Fotografien ihrer Bilder und Figuren der letzten Jahre, am Computer erstellte Zeichnungen und einige wenige Fotos privater Natur, schnitt aus, verdoppelte, verschob und überzeichnete am Computer in grob handwerklicher Manier. Ein Riesenspaß, wie sie sagte, der zu neuen Bildern führte, die schließlich das Panoptikum „Smutnas“ bilden.
Susanne Rings Faszination für abseitig Schräges, ihr subtiles Gespür für emotionale und soziale Gefüge, ihre Unruhe und Ungeduld gegenüber dem eindimensional Statischen und vermeintlich Eindeutigen sowie schließlich ihr Faible für Transgression und Transluzentes, das einen Blick auf darunter / dahinter Liegendes gewährt, schlägt sich in jedem einzelnen Bild des Buches nieder. Wie sie arbeitet, was sie interessiert, warum die Figuren ihrer Ausstellung „Himmel und Hölle“ so aussehen, wie sie aussehen und warum sie das vorliegende Bilderbuch „Smutnas“ betitelte –– ‚smutna‘ bedeutet im Tschechischen und Polnischen ‚traurig‘ – erzählt sie im Gespräch.
„Smutna – lange Schatten“, so hieß eine Ausstellung, die ich Ende letzten Jahres in Berlin hatte. Am Anfang hatte ich die Idee, in diesem Buch vor allem die Figuren der „Smutna“-Ausstellung vorkommen zu lassen, und dann, dass ich in diesem Buch Arbeiten von mir, die sonst nicht zusammen gezeigt werden, zusammenführe. Das Buch zeigt eine Art Vervielfältigung, eine Vielzahl, deswegen der Plural, ‚smutnas‘. Bei ‚Smutnas‘ geht es um etwas Trauriges, oder um Traurigkeit, die sich in diesem Wort lautmalerisch zeigt. Die Arbeiten haben für mich etwas ziemlich Freakiges. Da geht es immer um etwas Trauriges, aber für mich ist wichtig dabei, dass es auch um etwas geht, das einen berührt. Und zwar nicht nur im gruseligen Sinne, sondern auch auf einer fürsorglichen Ebene. Dass man gerne für diese Figuren oder Kreaturen Sorge tragen würde.
Das Wort ‚smutna‘ habe ich aus einem Buch von Judith Hermann. Literatur ist mir wichtig. Nicht immer, aber manchmal gibt es einen glücklichen Zufall, eine Verschränkung mit Alltagssituationen oder mit der aktuellen Lebenssituation, dann wird sie wichtig. Das ist aber nicht berechenbar. Gerade lese ich wieder von Per Oolv Enquist „Gestürzter Engel“. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, es geht um einen Mann, dem ein zweiter Kopf aus der Stirn wuchs. Damit wurde er in den zwanziger Jahren als Attraktion über Jahrmärkte geführt. Dieser Kopf hatte Augen, Augenbrauen, und er hatte einen Mund. Es war ein weiblicher Kopf und er hat ihn Maria genannt. Die Geschichte hat mich auch so interessiert, weil es um eine Liebesbeziehung geht. Enquist schreibt auch über Bertold Brecht und eine seiner Liebsten, die in der Psychiatrie ist. Er sollte sie dort heraus holen, und sie sagte wohl, wenn Du mich holst, dann musst Du alle anderen auch heraus holen. Das wollte er nicht, woraufhin sie antwortete, dann würde sie auch bleiben.
Frau Ring, Sie erwähnten einmal, dass Sie auch Murakami lesen?
Ja – aber leider nicht mehr so gerne. Ich mag seine Bücher, in denen der Schafsmann vorkommt, und „Hard Boiled Wonderland“.
Ich frage deshalb nach Murakami, weil mir bei Ihren Bildern dieses phantastische Element aufgefallen ist, das bei Murakami ganz wichtig ist. Der Wechsel zwischen Realitätsebenen, zwischen Jenseits und Diesseits, ein so fließender Wechsel, dass sich das eine gar nicht unbedingt vom anderen trennen lässt. Und dieser Erzählstrom, dass sich das eine organisch aus dem anderen entwickelt und immer weiter andere Formen gebiert .... Bewusstes, Unbewusstes, Wahrnehmbares, oder Sachen, die sich in der Phantasie abspielen, übersetzen Sie bildnerisch. Können Sie genauer benennen, wie Sie arbeiten?
Ich überlasse mich meiner eigenen Uferlosigkeit. Den Zufälligkeiten der Alltags… Natürlich habe ich bestimmte Themen, an denen ich arbeite. Und dazu kommt dann eine Mischung aus Tagträumen und aus Assoziationen zu Begebenheiten. Ich fahre irgendwo vorbei und dann ist da zum Beispiel ein Haus, das ist mit Efeu bewachsen und der Wind fliegt hindurch und es sieht aus, als hätte das Haus ein Kleid an. Manchmal verschränkt sich das Gesehene oder Erlebte mit dem, was mich gerade in der Arbeit beschäftigt, manchmal nicht. Assoziationen, Impulse, Alltagserfahrungen schieben sich wie ein Filter vor das aktuelle Thema. Das funktioniert stark über freies Assoziieren, es ist kein bewußter Vorgang, sondern etwas, das passiert, weil ich so bin wie ich bin.
Mein Arbeiten funktioniert wie ein ziemlich löchriges Fischernetz, in dem sich immer mal wieder etwas verheddert. Es wird gehalten durch eine Grundstruktur, das ist meine Art zu gucken oder die Auswahl der Materialien oder Farben oder Formen im weitesten Sinne. Was schließlich zu sehen ist und wie dies im Einzelnen aussieht, da spielt der Zufall eine große Rolle. Es geht ganz viel um Assoziationen und auch um Zufall. Und es hat viel von einem Gespräch. Von einem Selbstgespräch. Über die Fragen, die sich beim Machen entwickeln.
Vielleicht geht es ja auch deshalb um den gestürzten Engel, also diese Person mit den zwei Köpfen, die über die Jahrmärkte getingelt ist. Oder die Frau ohne Unterleib ... Man mutmaßt ja, was ist das für ein Leben, wenn man in solchen Wagen über die Märkte gezogen und begafft wird. Mir geht es nicht darum, Außenseiter zu zeigen, mir geht es um Zerbrechlichkeit. Verletzlichkeit, Fragilität, darum geht es. Irgendwie geht das Wort ‚smutna‘ mit dieser Facette meiner Arbeit eine Allianz ein. Für die Arbeiten in Berlin hatte ich verwahrloste Kinderzimmer fotografiert, aus der Melange an Fotos und dazu kreierten Figuren war der Titel „Smutna“ entstanden. Vor dem Hintergrund, Hermann gelesen zu haben, war dieser Titel letzten Endes eine Zwangsläufigkeit.
Das ist genau, was ich meine, wenn ich sage, ich empfinde meine Auswahlprozesse, oder meine gedanklichen Strukturen, die als Schlüssel zu meiner Arbeit funktionieren, wie ein großes Netz, mit dem ich wie in einem Meer fische. Manche Dinge, die drin hängen bleiben, werden verworfen, und andere werden für gut befunden. Aber das ist nicht unbedingt ein gezielter Feldzug, sondern ein Im-Trüben-Fischen und Hoffen, dass etwas Brauchbares hängen bleibt.
Sie haben kürzlich davon gesprochen, dass Ihnen Ihre aktuellen Figuren, die z.T. auch in der Ausstellung „Himmel und Hölle“ gezeigt werden, im Vergleich zu früheren Figuren wie eine Freak-Kolonie vorkämen. Ich finde fast alle Ihre Figuren freakig, viele auch unheimlich. Ihre Faszination für Unheimliches, Phantastisches und auch Groteskes zieht sich durch Ihr gesamtes künstlerisches Schaffen, scheint mir. Was unterscheidet für Sie die neuen Figuren von den früheren?
Eine gewisse neue Freiheit im Umgang mit Materialien und mit der Kombination verschiedener Materialien. Das hat eine Ähnlichkeit zu dem Mann mit zwei Köpfen und der Frau mit Bart, bei denen man denkt: Da ist etwas, was da nicht hingehört, aus einem Material, was da nicht hingehört. Diese Idee von Oberfläche und Brüchigket und Archaik – und bei „Himmel und Hölle“ geht es stark um Archaik – transportiert sich viel besser über harte Materialkontraste.
Und es gibt bei mir ein deutliches Bewusstsein dafür, dass die Grenze zu Freakigkeit und Wahnsinn und Abgründigkeit viel dünner ist, als man allgemein vermutet. Das Leben ist ein empfindliches Gewirk. Die Oberfläche funktioniert bei den meisten Menschen ganz gut, darunter ist es eher brüchig. Dinge, die man tagtäglich in der Zeitung liest, Kinder verhungern und keiner wusste von der Situation hinter Nachbars Wohnungstür. Und dann sind alle ganz erstaunt. Mich erstaunt das nicht so sehr.
In Ihren Collagen ist das phantastische Moment besonders stark ausgeprägt. Sie suspendieren Grenzen von Zeit, Raum, Gattung, Logik. Ich musste an Goya denken und seinen Zyklus „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, an Alfred Kubin und sein „Bestiarium“, an Tierköpfe auf Menschenkörpern und Menschenköpfe auf Tierkörpern... Und Judith Hermanns Band mit Erzählungen trägt den Titel „Nicht als Gespenster“...
Also, Gespenster sind überhaupt nicht gruselig. Gespenster sind eher so, dass sie sich etwas überziehen müssen, damit man sie überhaupt sieht. Das sind freundliche Genossen, die froh sind, wenn sie geduldet werden. Eigentlich sind die eher verschreckt. Also, ich habe vor Gespenstern keine Angst, ich habe auch als Kind vor Gespenstern keine Angst gehabt. Und phantastische Malerei, ja die schaue ich mir schon an... Wäre ich reich, würde ich mir einen Ensor kaufen wollen! Die Präraffaeliten finde ich großartig, auch Odilon Redon und Auguste Moreau natürlich. Frida Kahlo ist ja auch phantastisch, letzten Endes. Für mich gehören zu phantastischer Kunst unbedingt Marc Rothko und Cy Twombly. Und ein Bild von Miriam Cahn würde ich auch immer haben wollen. Phantastische Kunst oder das, was mich interessiert, muss gar nicht figürlich sein. Ich glaube, es geht um das Intuitive und das Sich-in-Etwas-Verlieren. Das man deutlich den Moment einer Auflösung spürt. Bei Wolfgang Tilmans finde ich das besonders faszinierend, er pervertiert das wesentliche Moment der Fotografie, dieses Festhalten des Momentes, indem er nur Vergänglichkeit und Auflösung zeigt.
Die Sachen, die ich gut finde, haben eine ähnliche Machart. Ich mag zum Beispiel auch die Arbeiten von Marlene Dumas sehr, und die von Norbert Schwontkowski und Tal R. Ich glaube, es geht nicht so sehr um das, was gezeigt wird, sondern um die Haltung beim Machen bei diesen Künstlern. Diese Haltung unterstelle ich ihnen. So wie Rothko sagte, „Es geht gar nicht um Farbe, es geht um Emotion“. Es geht nicht um Farbe oder um Malerei um der Malerei willen, sondern es geht darum, Emotionen zu erzeugen. Das ist genau das, was für mich da spürbar wird.
Geht es Ihnen darum, Emotionen zu erzeugen oder einzufangen?
Festzuhalten. Eigentlich festzuhalten. Sie beim Machen zu haben und durch das Machen festzuhalten. Beim Machen wird ja etwas erlebt. Das ist, glaube ich, der Punkt dabei. - Mir hat einmal ein Redner eine ganz gute Frage gestellt. Er fragte, wonach ich meine Materialien auswähle. Darüber habe ich jetzt wieder vermehrt nachgedacht, es ist tatsächlich so, dass je archaischer die Wirkung, desto krasser und härter der Materialmix. Und je krasser die Kombination, desto freakiger wirkt auch die Figur. Wegen dieser Brüchigkeit und der Massivität. Archaik ist ja etwas ganz Heftiges und etwas ganz Unmittelbares. Und der Materialmix vermittelt auch unterschiedliche Facetten, Gröberes, Differenzierteres, über manches weiß man mehr und über manches weniger.
Diese Figur zum Beispiel, man sieht Rock und Taille, aber sie hat keinen Kopf, an dessen Statt ist ein Flechtwerk, so ein Kranz, wie der Rest eines Weidenkorbes...
Das ist eine Madonna. Ich habe einige Madonnen, die keinen Kopf haben, nur diesen Heiligenschein. Bei der Ausstellung „Himmel und Hölle“ geht es ja im Wesentlichen um Tod und Alterung. Zumindest ist das eine Klammer.
Stammt der Titel „Himmel und Hölle“ eigentlich von dem Kinderspiel, bei dem man in Kästchen hüpft und eine Linie nicht berühren darf?
Auch, ja. Aber es gibt auch noch das Falt-Himmel-und-Hölle. Das Spiel ist wie ein Kinderorakel. Wenn man will, kann man daran glauben. Dann hat es so etwas Verheißungsvolles. Ich fand das auch schön, dass man aus diesem Kinderspielzeug eine Landschaft bauen kann - eine bergige, schroffe, apokalyptische Landschaft. Ja, Himmel und Hölle, Hieronymus Bosch, der Höllensturz, Dante, Sartres „Hinter verschlossenen Türen“, darum geht es, das beschäftigt mich gerade. Man startet als Kind und dann geht es zu Ende. Das Falt-Himmel-und-Hölle verweist schon auf ein Ende, obwohl es ein Kinderspiel ist. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Figuren so gehalten sind, wie sie sind, mit den Scherenschnitten auf den vermeintlichen Kleidern und dem Gekritzel und dem Totenkopf und dem Skelett. Man kann das alles in diesem Kontext sehen – man muss aber nicht.
Himmel und Hölle ist Verheißung in beide Richtungen.
Ja, es hat so etwas Elipsenhaftes. Es sind Kreise, die gezogen werden, an manchen Stellen überschneiden sie sich, dann gibt es Schnittmengen. Es gibt auch Ausflüge. Es ist eben nicht eindimensional, in dem Sinne, dass aus dem einen das andere folgt. - Ich wollte gern, für die Ausstellung und für das Buch, dass der Eindruck einer Flut entsteht.

[Dieses Gespräch ist nur zum Teil frei erfunden. Aufgezeichnet wurde es im August 2008 in Berlin.]


Irgendwas zwischen Flossen und Seetang

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) • Wo sich nun der Himmel zeigen soll, lässt sich nicht erahnen. Susanne Ring hat ihn im Titel ihrer Ausstellung der Hölle gegenübergestellt.
Doch wer die Galerie Kramer betritt, fühlt sich der Unterwelt deutlich näher als himmlischen Gefilden. Okkulte Figuren aus Keramik sitzen im Raum verteilt: Gesichtslose Wesen, beschädigte Gestalten. Ein kleines, dickes Etwas kauert im Eck, ein mit Beulen übersäter Klumpen. Sind es Warzen? Oder Narben? Zwei links und rechts ausgestreckte Beine lassen auf Leben schließen. An ihren Enden aber befinden sich statt der Füße eigentümliche Gebilde, irgendwas zwischen Flossen und Seetang. Man wird den Verdacht nicht los, dass hier ein Opfer liegt: ein einstmals kerngesundes Tier, dem ein schweres Unglück widerfahren ist.
Noch beunruhigender nimmt sich die Vase im hinteren Bereich der Galerie aus. Ihre fleischige Farbe lässt die Rundungen schon von weitem einem lebendigen Wesen zuordnen. Tritt man näher heran, bemerkt man unten zwei Beinstummel: nach vorne offene Stummel wohlgemerkt, wodurch die Eignung des Objekts als Vase vollends in Frage steht. Blutrot leuchtet in diesen kurzen Röhrchen die innen aufgetragene Lasur hervor. Wer assoziiert da nicht schwere Verletzungen, Kriegswunden, Invalidität? Oben gähnt weit offen der Schlund des Gefäßes. Wer hineinblickt, sieht rot: blutig triefend, als sei die Keramikskulptur in Wahrheit ein eben erst geschlachtetes Tier.
Derweil starrt den Besucher ein totenkopfähnliches Gebilde herausfordernd an. Kein Rot, kein Blut, im Gegenteil: Hier scheint es fast, als sei das vordergründig Tote quicklebendig. Kaum zu ergründen ist, was sich in den dunklen, geweiteten Augenhöhlen verbirgt. Und im offenen Schnabel, der auch ein Ofenrohr sein könnte, ragen spitz zwei Zähne empor.
Susanne Ring konfrontiert den Betrachter mit seinen eigenen Definitionsgewohnheiten. Denn wo Leben beginnt und wo es endet, erscheint mit Blick auf ihre Skulpturen nicht mehr eindeutig erkennbar. Zugleich erweckt sie in ihm Empfindungen, die objektiv nicht erklärbar sind. Schlechtes Gewissen angesichts vermeintlichen Leids, Mitleid vor einem Klumpen Keramik: Unsere Gefühle hängen offenbar weniger von dem ab, was wir sehen, als von dem, was wir assoziieren.
Bis 20. Juni in der Galerie Kramer, Bremen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 15-19 Uhr, Samstag 10-16 Uhr.

www.kreiszeitung.de/nachrichten/kultur/lokal/irgendwas-zwischen-flossen-seetang-788617.html


Zu den Arbeiten Susanne Rings

Susanne Rings künstlerisches Schaffen setzt sich thematisch mit fundamentalen sozialen Strukturen und Gruppierungen der Gesellschaft auseinander. Die fixierten Arbeitsfelder greifen im Besonderen menschliche Komponenten auf, wie Sinnfragen des Lebens, emotionale Extreme oder das Zusammenleben von Altersgruppen, und zielen darauf ab, deren Verankerung in gesellschaftlichen Institutionen oder Vorgängen zu verdeutlichen. Beziehungskonstellationen aus dem persönlich-biografischen Umfeld werden ebenfalls hinterfragt und zu exemplarischen Leitgedanken.
Susanne Rings vielseitiges Werk umfasst im Schwerpunkt Malerei und Kleinplastiken, die im Gesamtkontext von Ensembles entstehen. Der Begriff „Ensemble“ meint hier übergeordneten Sinn das immer neue Zusammenfügen von unterschiedlichen Einzelarbeiten aus dem Gesamtwerk und die Kombination verschiedener Materialien im jeweiligen adäquaten Raumbezug.
Im Einzelnen autonom greifen die unterschiedlichen Werkgruppen im Wechselspiel inhaltliche und thematische Schwerpunkte auf. Die Figuren, einen Fundus dar, aus dem Susanne Ring immer wieder neue Konstellationen schafft. Der Werkzyklus der Plastiken ist offen und vielen Veränderungen unterworfen. Die Zusammenstellung der Figurengruppierungen vollzieht sich weitaus drastischer. Sie werden ausgetauscht oder verwandeln sich nach Zerschlagung in neue Gestalten, andere Charaktere der Ensembles. Die Plastiken entstehen aus Keramik, Stein und Holz, auch durch Verwendung von kombinierten Materialverbindungen. Massive Aufbrüche der Körper, tiefe Einschnitte oder schützende Überformungen unterstreichen ihre Ausdrucksintensität. Nichts wird beschönigt, verschwiegen oder abgemildert. In archaischer Härte, schroff oder abweisend, kurios und ironisch, jedoch auch versöhnlich und hoffnungsvoll, treten dem Betrachter die Figuren entgegen.
Das keramische Material transportiert indirekt die Vorstellung von Kitsch und Kunsthandwerk . Diese „Hypothek“ kommt der inhaltlichen Aussage entgegen, formuliert „Keramik“ doch auch die Sehnsucht des Menschen nach dem Unbeschädigten, Intakten und Sentimentalen. Im Material wird diese gedankliche Ebene als Ausdruck eines sozialen Gefüges direkt transportiert. Die radikalen Brüche auf der Materialebene, die Susanne Ring vollzieht, lassen vergessen, dass es sich um Keramik handelt. Unbewusst nimmt der Betrachter den vertrauten Werkstoff jedoch wahr.
Die Kleinplastiken entstehen ohne konkrete Vorstellung, rein intuitiv, in einer Atmosphäre ungelenkter, unbewusster Imaginationen, ausgelöst durch spontane sekundenschnelle Eindrücke des Alltags, und der Beschäftigung der Künstlerin mit konkreten Themenbereichen Aus einem imaginären Bewusstseinsstrom tauchen die Figuren als Wesen einer Zwischenwelt auf, vereinen assoziiertes und erinnertes. Trotz ihrer menschlichen Proportionen treten sie dem Betrachter nicht als eigenständige, personalisierte Abbilder der Realität entgegen. Die Plastiken Susanne Rings sind Portraits der Innerlichkeit, die aus deren eigenen sozialen Gefüge erwachsen. Scheinbar spielerisch reflektieren sie die unterschiedlichen Charaktere menschlicher Existenz.
Da die Figuren oft keine Arme haben, bilden ihre ausdrucksvollen Gesichter elementarer Zugang zu ihnen. Innerhalb der Ensembles entstehen Interaktionen nicht durch nachvollziehbare Handlungen oder durch eine direkte Bezugnahme. Die Art und Weise der Anordnungen und Konstellationen leitet in Verbindung mit Kopf und Gesicht zu Blickachsen mit dem Betrachter. Die expressiven Körperhaltungen und Gesten sind bildnerischer Ausdruck von Kreatürlichem und Archaischem.
Veränderungen und Wandelungen sind bestimmende Elemente im Werk Susanne Rings. Sie verändert die Ensembles, wenn sie auf Erlebtes zurückblickt. Das was sie bewegt, thematisiert sie inhaltlich immer neu und anders. Folglich wandern Figuren in Gruppen hinein oder gehen hinaus. Sie werden zerstört und umgebaut, erscheinen mit bekannten Köpfen in neuer Gestalt oder verschwinden ganz. Sie sind instabil und fragmentarisch.
Die Verwandlung der Ensembles ist künstlerisch gewollt und fordert aber auch in besonderer Weise die Kreativität eines Kurators. „Ensemble“ ist auch im Sinne von „passager“ zu verstehen, das Kunstwerk als vorübergehend Momentaufnahme zu deuten. Der Kurator soll bewusst neu inszenieren, eine Neuinterpretation vornehmen, eingebunden in spezifische gesellschaftliche Strukturen. Unterschiedliche soziale Konstellationen und momentane situative Kontexte verstärken das Element des Wandelbaren, der Veränderung, des nicht Statischen.
Thematisiert wird hier spielerisch die Problematik von Leben und Tod oder die Frage nach dem Ursprung und dem Ziel der menschlichen Existenz. Der Verweis auf die Endlichkeit ist allgegenwärtig. Deshalb erscheinen die Figuren des Ensembles knochig, wenig farbig, fast skelettiert. Die zumeist fehlenden Gliedmaßen verweisen auf den unaufhaltsamen Prozess der Alterung und des Zerfalls. Die Proportionen spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Betrachter kann Abbildungen von sozialen Konstellationen innerhalb der Ensembles erkennen.
Susanne Rings Ensemble können als Sinnbild der menschlichen Existenz aufgefasst werden. Susanne Rings Begriff von Bildhauerei erwächst aus einer starken inneren Anteilnahme und Emotionalität für menschliche Befindlichkeiten, Lebensgeschichten oder Alltäglichkeiten und fordert den Betrachter zum Dialog über die Veränderlichkeiten der eigenen Existenz auf.

Jutta Meyer zu Riemsloh

  • Jacqueline Maltzahn-Redling (2011)

    Die Dynamik der Stille
  • Dr. Silke Feldhoff (2008)

    Smutnas
  • Johannes Bruggaie (2010)

    Irgendwas zwischen Flossen und Seetang
  • Jutta Meyer zu Riemsloh (2008)

    Zu den Arbeiten Susanne Rings